Ein Mensch bricht im Supermarkt zusammen, beim Fußballtraining oder zu Hause im Wohnzimmer. Er reagiert nicht mehr, atmet nicht normal. Jetzt zählt jede Minute – und meist sind es nicht Notärzte, sondern Angehörige, Nachbarn oder zufällige Passanten, die als Erste vor Ort sind. Rund 130.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich außerhalb einer Klinik einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand.
Die gute Nachricht: Immer mehr Menschen helfen. Die Quote der Laienreanimation – also wie oft Umstehende mit der Wiederbelebung beginnen, bevor der Rettungsdienst eintrifft – lag 2010 bei nur 14 Prozent. Für 2025 weist das Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung (NAWIB), das im Oktober sein zehnjähriges Bestehen feierte, bereits mehr als 53 Prozent aus.
Bereit, aber unsicher
Eine repräsentative Umfrage der ADAC Stiftung zeigt: An der Bereitschaft fehlt es nicht. Knapp zwei Drittel der Menschen in Deutschland würden im Notfall direkt mit der Reanimation beginnen. Viele haben aber Angst, etwas falsch zu machen und der Person zusätzlich zu schaden.
Diese Sorge ist unbegründet. Wer bei einem Herzstillstand nichts tut, lässt den Betroffenen mit großer Wahrscheinlichkeit sterben. Wer drückt, kann nur helfen. Selbst eine gebrochene Rippe ist im Vergleich zu einem Hirnschaden durch Sauerstoffmangel ein geringes Übel.
Interessant: Wissen die Befragten, dass sie am Telefon von der Rettungsleitstelle angeleitet werden, steigt die Bereitschaft zur Wiederbelebung von 64 auf 83 Prozent.
Die drei Schritte: Prüfen. Rufen. Drücken.
Die Kernbotschaft des Aktionsbündnisses ist bewusst einfach gehalten:
- Prüfen: Laut ansprechen, an den Schultern rütteln. Reagiert die Person nicht und atmet sie nicht normal, liegt vermutlich ein Herz-Kreislauf-Stillstand vor. Achtung: Schnappatmung, also vereinzelte, tiefe Atemzüge, ist keine normale Atmung.
- Rufen: Sofort den Notruf 112 wählen – oder eine andere Person gezielt damit beauftragen. Das Telefon auf Lautsprecher stellen, die Leitstelle gibt Anweisungen.
- Drücken: Mit der Herzdruckmassage beginnen. Den Handballen in die Mitte des Brustkorbs legen, die zweite Hand darüber, mit gestreckten Armen fünf bis sechs Zentimeter tief drücken, etwa 100- bis 120-mal pro Minute. Als Takt hilft ein Lied wie „Stayin‘ Alive“. Nicht aufhören, bis der Rettungsdienst übernimmt.
Die Beatmung ist für Laien zweitrangig. Wer sie sich nicht zutraut, macht einfach ohne Pause mit der Herzdruckmassage weiter. Ist ein Defibrillator (AED) in der Nähe – etwa in Rathäusern, Banken, Sporthallen oder Supermärkten –, sollte jemand ihn holen. Die Geräte sagen per Sprachanweisung genau, was zu tun ist.
Ältere Menschen besonders gefordert
Statistisch sind Menschen über 60 am häufigsten von einem Herz-Kreislauf-Stillstand betroffen. Das bedeutet umgekehrt: Gerade ältere Menschen werden häufig Zeuge eines Notfalls, etwa beim eigenen Partner. Doch laut der ADAC-Umfrage haben nur 27 Prozent der über 60-Jährigen in den letzten zehn Jahren ein Reanimationstraining absolviert. Nur 23 Prozent dieser Altersgruppe wissen, wann reanimiert werden muss.
Erste-Hilfe-Kurs auffrischen
Die Bereitschaft, das eigene Wissen aufzufrischen, wächst: 44 Prozent der Befragten möchten wieder einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen. Angebote gibt es in der Region unter anderem beim Bayerischen Roten Kreuz, den Johannitern, den Maltesern und dem Arbeiter-Samariter-Bund. Viele Kurse dauern nur einen Tag, Reanimationstrainings sogar nur wenige Stunden.
Auch Schulen sind gefragt: Bayern gehört zu den sechs Bundesländern, die Wiederbelebung verpflichtend in den Lehrplan der Sekundarstufe I aufgenommen haben. 82 Prozent der Befragten befürworten Reanimationsunterricht ab der siebten Klasse.
Ersthelfer per App
Eine weitere Möglichkeit, Leben zu retten, sind app-basierte Ersthelfer-Netzwerke. Geht ein Notruf bei der Leitstelle ein, werden zeitgleich registrierte Ersthelfer in unmittelbarer Nähe per Smartphone alarmiert. Nach Angaben der Betreiber ist so nach durchschnittlich vier Minuten ein Helfer vor Ort – während der Rettungsdienst im Schnitt sieben Minuten braucht, im ländlichen Raum oft deutlich länger. Bundesweit sind bislang erst rund 185.000 Menschen registriert, und nicht einmal jeder Fünfte kennt das Konzept überhaupt. Ob in der eigenen Region ein solches System aktiv ist, erfährt man bei der zuständigen Integrierten Leitstelle oder den Hilfsorganisationen.
„Wiederbelebung ist auch eine Frage der Zivilcourage“, sagt der ehemalige Fußball-Nationalspieler Gerald Asamoah, dessen Stiftung sich für herzkranke Kinder einsetzt. Mehr Informationen gibt es unter wiederbelebung.de.
Quellen: ADAC Stiftung, „Monitor Reanimation“, Pressemitteilung vom 20.09.2026; Gerald Asamoah Stiftung zu 10 Jahren NAWIB, Pressemitteilung vom 19.10.2026



