Wer als Kind schon als Träumer oder Zappelphilipp galt und auch als Erwachsener ständig Termine vergisst, Aufgaben nicht zu Ende bringt oder innerlich nie zur Ruhe kommt, fragt sich irgendwann: Könnte das ADHS sein? Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist längst nicht nur ein Thema für Kinder. Immer mehr Erwachsene lassen sich untersuchen, manche bekommen ihre Diagnose erst mit 30, 40 oder 50 Jahren. Dieser Ratgeber erklärt, woran sich ADHS bei Erwachsenen zeigen kann, wie eine Diagnose abläuft und wo es in Aschaffenburg, im Bachgau und im Landkreis Miltenberg Hilfe gibt.
Wie sich ADHS bei Erwachsenen zeigt
ADHS beginnt im Kindes- und Jugendalter. Bei vielen Betroffenen schwächen sich die Symptome mit den Jahren ab, bei einem Teil bleiben sie bestehen. Nach Angaben des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erfüllen schätzungsweise 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit ADHS die Kriterien auch als Erwachsene noch vollständig. Allerdings zeigt sich die Störung im Erwachsenenalter oft anders als bei Kindern.
Die auffällige körperliche Unruhe geht häufig zurück. Im Vordergrund stehen dann eher:
- Probleme, den Alltag oder die Arbeit zu organisieren
- Schwierigkeiten, sich über längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren
- vergessene Termine und Verabredungen
- innere Unruhe
- Mühe, die eigenen Gefühle im Gleichgewicht zu halten, etwa leichte Reizbarkeit und geringe Frustrationstoleranz
- impulsive Entscheidungen, zum Beispiel ein spontaner Jobwechsel
Solche Schwierigkeiten kennt jeder Mensch phasenweise. Für eine ADHS spricht erst, wenn sie seit der Kindheit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten und das Berufs- oder Privatleben deutlich beeinträchtigen. Viele Betroffene haben zusätzlich Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Suchtprobleme. Ausführliche, geprüfte Informationen bietet das IQWiG auf gesundheitsinformation.de.
Wie die Diagnose abläuft
Online-Selbsttests und Erfahrungsberichte in sozialen Netzwerken können ein Anstoß sein, ersetzen aber keine Diagnose. Feststellen können eine ADHS bei Erwachsenen in der Regel Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik oder Neurologie sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.
Die Diagnosekriterien sind im Prinzip dieselben wie bei Kindern. Weil viele Erwachsene als Kind nie untersucht wurden, nutzen Fachleute Fragebögen, mit denen sich die Kindheit rückblickend einschätzen lässt. Wichtig ist außerdem, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Beschwerden verursachen können. Hilfreich für das Erstgespräch sind alte Schulzeugnisse mit Bemerkungen zum Verhalten und, wenn möglich, Schilderungen von Eltern oder Geschwistern.
Termine bei Fachärzten sind oft knapp. Wer eine Überweisung mit Dringlichkeitscode hat oder einen Termin sucht, kann sich an die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung wenden: telefonisch unter 116117 oder online über 116117.de. Erste Anlaufstelle kann auch die Hausarztpraxis sein.
Welche Behandlung es gibt
Wie behandelt wird, hängt davon ab, wie stark die Beschwerden den Alltag beeinträchtigen. Die medizinische Leitlinie zu ADHS sieht mehrere Bausteine vor, die einzeln oder kombiniert eingesetzt werden:
- Psychoedukation: Betroffene und Angehörige lernen, was ADHS ist und wie sie sich auswirkt. Das allein entlastet viele.
- Psychotherapie: Vor allem die kognitive Verhaltenstherapie hilft, Strategien für Organisation, Zeitplanung und den Umgang mit Gefühlen zu entwickeln.
- Medikamente: Für Erwachsene sind in Deutschland Arzneimittel gegen ADHS zugelassen. Ob sie infrage kommen, entscheiden Ärztin oder Arzt gemeinsam mit den Betroffenen nach einer gründlichen Untersuchung.
- Selbsthilfe und Coaching: Der Austausch mit anderen Betroffenen und praktische Alltagshilfen ergänzen die Behandlung.
Welche Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist, lässt sich nur im ärztlichen oder psychotherapeutischen Gespräch klären.
Anlaufstellen in Aschaffenburg und am Untermain
Psychiatrische Institutsambulanzen des Bezirkskrankenhauses Lohr
Das Bezirkskrankenhaus Lohr betreibt in der Region zwei Psychiatrische Institutsambulanzen für Erwachsene. Laut Bezirkskrankenhaus gehört ADHS dort ausdrücklich zu den behandelten Krankheitsbildern. Die Ambulanzen richten sich an Menschen, die wegen Art, Schwere oder Dauer ihrer Erkrankung eine Behandlung durch ein Team aus Ärzten, Psychologen, Pflege und Sozialpädagogik brauchen. Nötig ist eine Überweisung, zum Beispiel von der Haus- oder Facharztpraxis.
- Psychiatrische Institutsambulanz Aschaffenburg im Sozialzentrum am Rosensee, Siegfried-Rischar-Straße 2–4, 63743 Aschaffenburg, Telefon 06021 902160 (Infoseite)
- Psychiatrische Institutsambulanz Alzenau, Wasserloser Straße 25a, 63755 Alzenau, Telefon 06023 947333-0 (Infoseite)
Seit Herbst 2022 gibt es außerdem die Psychiatrische Klinik Aschaffenburg des Bezirkskrankenhauses auf dem Gelände des Klinikums Aschaffenburg-Alzenau, Am Hasenkopf 3. Für Kinder und Jugendliche ist die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau zuständig.
Selbsthilfe in Aschaffenburg
Im Juli 2026 hat sich in Aschaffenburg eine neue Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit ADHS gegründet. Willkommen sind laut Stadt Aschaffenburg auch Menschen, die vermuten, betroffen zu sein. Die Gruppe trifft sich nach Angaben der Stadt jeden letzten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr im Bildungsbüro in der Pfaffengasse 7. Wer teilnehmen möchte, meldet sich vorher bei der Selbsthilfekontaktstelle an.
Die Selbsthilfekontaktstelle der Stadt Aschaffenburg vermittelt in Gruppen und berät kostenlos: Büro Luitpoldstraße 4b, Telefon 06021 3301821, E-Mail selbsthilfe@aschaffenburg.de. Geöffnet ist montags und dienstags von 9 bis 12 Uhr sowie mittwochs und donnerstags von 12 bis 16 Uhr, weitere Termine nach Vereinbarung.
Daneben hat der Bundesverband ADHS Deutschland e. V. eine Regionalgruppe Aschaffenburg, erreichbar per E-Mail an rg.aschaffenburg@adhs-deutschland.de. Wie man die passende Gruppe findet, haben wir im Beitrag Selbsthilfegruppe: Welche ist sinnvoll für mich? zusammengefasst.
Landkreis Miltenberg
Im Landkreis Miltenberg berät der Sozialpsychiatrische Dienst der AWO in der Brückenstraße 17 in Miltenberg Menschen mit psychischen Belastungen und ihre Angehörigen. Einen Überblick über Selbsthilfegruppen im Kreis gibt der Selbsthilfe-Wegweiser des Landratsamts Miltenberg.
Hilfe in akuten Krisen
Wer sich in einer seelischen Krise befindet, erreicht den Krisendienst Unterfranken täglich rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 655 3000. In lebensbedrohlichen Notfällen gilt der Notruf 112.
Häufige Fragen
Kann ADHS auch erst im Erwachsenenalter entstehen?
Nach heutigem Wissensstand beginnt ADHS in der Kindheit. Bei manchen Menschen wird sie aber erst im Erwachsenenalter erkannt, etwa weil sie als Kind unauffällig blieben oder die Beschwerden lange ausgleichen konnten.
Reicht ein Online-Test für die Diagnose?
Nein. Fragebögen aus dem Internet können Hinweise geben, eine Diagnose stellen nur Fachleute nach einer ausführlichen Untersuchung, bei der auch andere Ursachen ausgeschlossen werden.
Brauche ich für die Institutsambulanz eine Überweisung?
Ja. Laut Bezirkskrankenhaus Lohr setzt die Behandlung in den Psychiatrischen Institutsambulanzen eine Überweisung durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt voraus.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.




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